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Wurzeln gewaltsam und willkürlich gekappt – 60 Jahre “Aktion Kornblume”

Von 11. Oktober 2021Keine Kommentare
Lesezeit: 3 Minuten

Für ein besonders dunkles Kapitel in der DDR-Geschichte stehen die Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Ihren Höhepunkt fanden sie genau vor 60 Jahren in der „Aktion Kornblume“. Als Kind wurde auch Marie-Luise Tröbs mit ihrer Familie aus Geisa deportiert. Umzug unter Zwang, auf Befehl des Ministeriums für Staatssicherheit. Im Rahmen einer Abendveranstaltung der Point Alpha Stiftung und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung rekapitulierte die Zeitzeugin für das Publikum die schmerzvollen Ereignisse des 3. Oktober 1961. Eindrucksvoll, detailliert und voller Emotionen schilderte sie die Austreibung aus Geisa und erzählte ihr persönliches Schicksal stellvertretend für alle anderen unbekannten Opfer.

Wie Marie-Luise Tröbs verloren viele ihre Heimat, ihr Eigentum, ihre Freunde. Rund 12.000 Menschen erlitten in den Jahren zwischen 1952 und 1961 dasselbe Schicksal. Im Zuge der Zwangsmaßnahmen wurden auch Höfe und Häuser geschleift, also dem Erdboden gleich gemacht. Verräterisch sind schon alleine die zynischen Tarnnamen: Die Aktion „Ungeziefer“ im Jahr 1952 setzte zum Beispiel missliebige Personen im Duktus der NS-Sprache mit Schädlingen gleich, die es zu bekämpfen galt. Die Aktion „Kornblume“ signalisierte, dass die staatlichen Organe die Absicht verfolgten, Einwohner wie Unkraut samt Wurzeln auszureißen. Dabei hatte es das Regime vor allen Dingen auf Personen abgesehen, die in politischer Hinsicht als unzuverlässig galten. Die verbliebenen Bewohner der Grenzregionen wurden mit den Repressionen der Zwangsaussiedlung eingeschüchtert und gewarnt, gegenüber der SED linientreu zu sein. Mit den willkürlichen, brutalen und staatlich erzwungenen Vertreibungen ging großes Leid einher, das bis heute nachwirkt.

Ohne Vorankündigung kam das Polizeikommando zur Räumung. Retten konnte Tröbs unter anderem nur ein Puppenkleid und eine Spielzeug-Kaffeemühle, heute Leihgaben in der Dauerausstellung im Haus auf der Grenze.

Ohne Vorankündigung kam das Polizeikommando zur Räumung. Retten konnte Tröbs unter anderem nur ein Puppenkleid und eine Spielzeug-Kaffeemühle, heute Leihgaben in der Dauerausstellung im Haus auf der Grenze.

Ohne Vorankündigung wird die Familie Wagner – so der Familienname von Frau Tröbs – in der Schulstraße in Geisa von der Aussiedlung überrascht. Es ist der 3. Oktober 1961, 6.30 Uhr am Morgen. Vor der Haustür steht ein Kommando mit einem Lastwagen und durch das Verlesen eines Schriftstückes wird verkündet, dass die Familie bis 12 Uhr ihren Wohnort zu verlassen habe. Martialisches Auftreten demonstrierte, dass Widerstand nicht geduldet wird. „Ich fühlte mich von der Welt verlassen“, beschreibt Tröbs rückblickend ihre Gefühle als Kind. Die Begründung für die Zwangsaussiedlung wird nachgeliefert: „Zur eigenen Sicherheit; wenn die westdeutschen Imperialisten und Militaristen geschlagen sind, können sie wieder in die Heimat zurück“ – natürlich eine fadenscheinige und erlogene Erklärung, eine Rückkehr wird es nicht geben.

Mit den Eltern und den beiden Brüdern (7 und 4 Jahre alt) kommt die Zehnjährige schließlich in Ilmenau an. Retten konnte das Mädchen nur ein Puppenkleid und eine Spielzeug-Kaffeemühle, die heute als Exponate in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Point Alpha zu besichtigen sind. Die 70-jährige Zeitzeugin gibt die Erlebnisse von Heimatverlust, Willkür, Enteignung und Demütigung wieder. Sie berichtet aus der Kinderperspektive über die Isolation der Neuangesiedelten, die als Schwerverbrecher von der Grenze stigmatisiert wurden, über den schwierigen Neustart und Alltag in fremder Umgebung und die konstante Beschattung durch die Stasi.

Die Wunden sind nur schwer verheilt, gibt Tröbs offen zu. Sie und andere Opfer der Aussiedlungsaktionen mussten 29 Jahre, bis zur Wiedervereinigung, schweigen. Ein Trauma ist geblieben, aber auch die Sehnsucht und Verbundenheit zu ihrem Geburtsort. Unter den Repressalien leiden die Opfer noch heute. Daher tritt Marie-Luise Tröbs engagiert als Zeitzeugin auf gegen das Vergessen, Verdrängen und Verharmlosen des SED-Unrechts und für eine fundierte Forschung und Aufarbeitung ein, wie sie von der Point Alpha Stiftung betrieben wird. Als Präsidentin des Bundes der Zwangsausgesiedelten gibt die Erfurterin Betroffenen eine Stimme, die nach Rehabilitation ruft und dazu auffordert, die „unverschämten” Gerechtigkeitslücken im Anerkennungs- und Entschädigungssystem zu schließen. Bis heute ist das Unrecht, das den Menschen widerfahren ist, gesetzlich nicht anerkannt. „Wir müssen die Finger immer wieder in die Wunde legen und kämpfen, kämpfen, kämpfen…“, so Tröbs.

Der Wissenschaftliche Leiter der Point Alpha Stiftung führte die Zuschauer zu Beginn ins Thema ein.

Der Wissenschaftliche Leiter der Point Alpha Stiftung führte die Zuschauer zu Beginn ins Thema ein.

Fachlich eingerahmt wurde der Abend von Dr. Roman Smolorz. Der Wissenschaftliche Leiter der Point Alpha Stiftung warf die Frage auf, warum es noch kein zentrales Denkmal für die Zwangsausgesiedelten gebe, eine Initiative, die vielleicht von Geisa ausgehen könne, um das Thema im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu verankern.

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