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Wie der RAF-Terror die Bundesrepublik in Atem hielt

By 9 décembre 2025No Comments
Lesezeit: 4 Minuten
Prof. Dr. Gisela Diewald-Kerkmann von der Universität Bielefeld sprach über die Genese der RAF und entkräftete Klischees, insbesondere bezugnehmend auf ihre weiblichen Mitglieder.

Prof. Dr. Gisela Diewald-Kerkmann von der Universität Bielefeld sprach über die Genese der RAF und entkräftete Klischees, insbesondere bezugnehmend auf ihre weiblichen Mitglieder.

Von „Amazonen mit männlichem Begleitschutz“ über den Nimbus der Befreiung der „Landshut“ bis hin zur Glorifizierung der Täter – in der vergangenen Woche drehte sich im öffentlichen Bildungsseminar der Point Alpha Akademie alles um die Rote Armee Fraktion (RAF) und ihre Rezeption. Zum Abschluss des Jahres 2025 widmeten wir uns dem Thema, das bis heute keinen endgültigen Abschluss gefunden hat. Im Februar wurde zum Beispiel das frühere RAF-Mitglied Daniela Klette festgenommen; damit rückte die Thematik „RAF“ erneut in die allgemeine Wahrnehmung. Auch die Verstrickung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR steht erneut zur Debatte, denn bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie weit die Verbindungen zwischen Stasi und RAF tatsächlich reichten. Fakt ist unter anderem, dass die Stasi der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt Zuflucht in der DDR gewährte und ihr mehrfach neue Identitäten zur Verfügung stellte, selbst als Bundesbehörden konkrete Anfragen zur Person stellten.

Als Zeitzeug war Aribert Martin eingeladen, der bei der Erstürmung der "Landshut" in Mogadischu als GSG 9-Beamter dabei war und von seinen Erlebnissen berichtete.

Als Zeitzeug war Aribert Martin eingeladen, der bei der Erstürmung der « Landshut » in Mogadischu als GSG 9-Beamter dabei war und von seinen Erlebnissen berichtete.

Die Zeithistorikerin Prof. Dr. Gisela Diewald-Kerkmann von der Universität Bielefeld eröffnete das zweitägige Seminar mit einem Vortrag über die Entstehung der RAF und ihre verschiedenen „Generationen“. Sie beleuchtete den Weg von den Studierendenprotesten über die APO bis hin zur Formierung der Terrorgruppe sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft. Hinsichtlich der weiblichen RAF-Mitglieder machte Prof. Diewald-Kerkmann deutlich, dass die Formulierung „Amazonen mit männlichem Begleitschutz“ unzutreffend sei. Dieses Bild entspräche nicht der Realität innerhalb der Organisation und wurde auch von den beteiligten Frauen selbst abgelehnt.

Bildungsforscher Rainer Lupschina von der Universität Tübingen. Fotos: Johannes Schneider

Bildungsforscher Rainer Lupschina von der Universität Tübingen. Fotos: Johannes Schneider

Im Verlauf des Vortrags und der anschließenden Diskussion thematisierten Referentin und Teilnehmende zudem die Rolle des Staates sowie dessen (Über-)Reaktionen. Insbesondere das Vorgehen gegenüber den studentischen Protesten vermittelte vielen späteren RAF-Mitgliedern den Eindruck, dass Veränderungen ohne Gewalt nicht erreichbar seien. Dies trug maßgeblich zur weiteren Eskalation der Gewalt bis hin zum Deutschen Herbst bei. Gleichzeitig wurde eine grundlegende Problematik der RAF sichtbar: Während ihre Mitglieder das bestehende System ablehnten und gewaltsam überwinden wollten, herrschte selbst in ihren eigenen Reihen Unklarheit darüber, wie ein neues System konkret aussehen sollte.

Als Inbegriff des staatlichen Kampfes gegen den Terror der RAF gilt bis heute die Befreiung der Passagiermaschine „Landshut“ am 18. Oktober 1977. Im Zeitzeugengespräch schilderte der ehemalige GSG 9-Angehörige Aribert Martin seine Perspektive während der Erstürmung der Maschine im somalischen Mogadischu. Wesentlich für das Gelingen der „Operation Feuerzauber“ seien das Vertrauen innerhalb der Einheit sowie das intensive Training gewesen, auf das Kommandeur Ulrich Wegener großen Wert gelegt habe. Bei aller Freude über die geglückte Geiselbefreiung gab Martin zu bedenken, dass in der Nachbereitung des Einsatzes gravierende Fehler geschahen: Weder die beteiligten Beamten noch die befreiten Geiseln erhielten psychologische Betreuung, was bei vielen das Gefühl zurückließ, nach den Ereignissen allein gelassen worden zu sein.
Im Abendvortrag griff Robert Wolff, Referent der Hessische Landeszentrale für politische Bildung und Experte für Linksextremismus, diesen Aspekt auf. Er plädierte für eine stärkere Erinnerung an die Opfer der RAF – und weniger für die (unfreiwillige) Glorifizierung der Täter, wie sie gerade in Film und Fernsehen immer wieder stattfinde. Man müsse zwar über die Taten als solche sprechen, aber damit sei die Geschichte eben nicht abgeschlossen, mahnte Wolff mit eindringlichen Worten. Der Abendvortrag war ein reguläres Angebot im Halbjahresprogramm der Point Alpha Stiftung und ein Zusatzangebot für die Seminarteilnehmenden. Anschließend klang der Abend in gemütlicher Runde im Gästehaus der Point Alpha Akademie aus.
Christian Diegelmann (Polizeipräsidium Osthessen) und Armin Laaf (Landeskriminalamt Hessen) waren ebenfalls als Referenten zu Gast.

Christian Diegelmann (Polizeipräsidium Osthessen) und Armin Laaf (Landeskriminalamt Hessen) waren ebenfalls als Referenten zu Gast.

Der zweite Seminartag begann mit der Vorstellung der Lernplattform „Offene Geschichte“ (https://www.offene-geschichte.de/). Rainer Lupschina von der Eberhard Karls Universität Tübingen präsentierte die Plattform, ihr Konzept und die dahinterliegende Struktur sowie Einsatzmöglichkeiten für Lehrkräfte, denn die digitales Lernen zieht in die Klassenzimmer ein. Nun hatten auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, mit Tablet und Smartphone die Lernangebote zu erkunden und Feedback an den Bildungsforscher zu geben. Im Austausch mit dem Entwickler des Online-Angebots erarbeiteten sie die Pros und Contras dieser Vermittlungsform.

Am Nachmittag schließlich stellten Armin Laaf vom Hessischen Landeskriminalamt und Christian Diegelmann vom Polizeipräsidium Polizei Osthessen die aktuellen Zahlen und Entwicklungen des Links- und Rechtsextremismus in Hessen vor. Anhand der Daten lässt sich ein deutlicher Anstieg in beiden Bereichen in den vergangenen Jahren feststellen. Die Polizisten machten anhand von aktuellen Fallbeispielen deutlich, dass sich die vermehrte „Politisch motivierte Kriminalität“ (PMK) nicht nur statistisch, sondern (leider) auch praktisch niederschlägt. Mit Aussteigerprogrammen und frühzeitiger Intervention schaffen Polizei und Staatsschutz Möglichkeiten zum Ausstieg beziehungsweise zur Radikalisierungsprävention.
Nach einer Abschlussdiskussion und mit den Teilnahmebescheiden in der Tasche, verabschiedeten sich unsere Gäste nach zwei intensiven Seminartagen . Wir bedanken uns bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für das große Interesse und bei der Hessische Landeszentrale für politische Bildung sowie der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) für die reibungslose Zusammenarbeit. Daniela Theurer und Jan Ludwig Antoni freuen sich darauf, auch Sie vielleicht bei einem der geplanten Seminare im kommenden Jahr begrüßen zu dürfen. Point Alpha informiert in Kürze über das neue Bildungsangebot.