
Prof. Dr. Gisela Diewald-Kerkmann von der Universität Bielefeld sprach über die Genese der RAF und entkräftete Klischees, insbesondere bezugnehmend auf ihre weiblichen Mitglieder.
Von „Amazonen mit männlichem Begleitschutz“ über den Nimbus der Befreiung der „Landshut“ bis hin zur Glorifizierung der Täter – in der vergangenen Woche drehte sich im öffentlichen Bildungsseminar der Point Alpha Akademie alles um die Rote Armee Fraktion (RAF) und ihre Rezeption. Zum Abschluss des Jahres 2025 widmeten wir uns dem Thema, das bis heute keinen endgültigen Abschluss gefunden hat. Im Februar wurde zum Beispiel das frühere RAF-Mitglied Daniela Klette festgenommen; damit rückte die Thematik „RAF“ erneut in die allgemeine Wahrnehmung. Auch die Verstrickung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR steht erneut zur Debatte, denn bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie weit die Verbindungen zwischen Stasi und RAF tatsächlich reichten. Fakt ist unter anderem, dass die Stasi der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt Zuflucht in der DDR gewährte und ihr mehrfach neue Identitäten zur Verfügung stellte, selbst als Bundesbehörden konkrete Anfragen zur Person stellten.

Als Zeitzeug war Aribert Martin eingeladen, der bei der Erstürmung der «Landshut» in Mogadischu als GSG 9-Beamter dabei war und von seinen Erlebnissen berichtete.
Die Zeithistorikerin Prof. Dr. Gisela Diewald-Kerkmann von der Universität Bielefeld eröffnete das zweitägige Seminar mit einem Vortrag über die Entstehung der RAF und ihre verschiedenen „Generationen“. Sie beleuchtete den Weg von den Studierendenprotesten über die APO bis hin zur Formierung der Terrorgruppe sowie die zunehmende Gewaltbereitschaft. Hinsichtlich der weiblichen RAF-Mitglieder machte Prof. Diewald-Kerkmann deutlich, dass die Formulierung „Amazonen mit männlichem Begleitschutz“ unzutreffend sei. Dieses Bild entspräche nicht der Realität innerhalb der Organisation und wurde auch von den beteiligten Frauen selbst abgelehnt.

Bildungsforscher Rainer Lupschina von der Universität Tübingen. Fotos: Johannes Schneider
Im Verlauf des Vortrags und der anschließenden Diskussion thematisierten Referentin und Teilnehmende zudem die Rolle des Staates sowie dessen (Über-)Reaktionen. Insbesondere das Vorgehen gegenüber den studentischen Protesten vermittelte vielen späteren RAF-Mitgliedern den Eindruck, dass Veränderungen ohne Gewalt nicht erreichbar seien. Dies trug maßgeblich zur weiteren Eskalation der Gewalt bis hin zum Deutschen Herbst bei. Gleichzeitig wurde eine grundlegende Problematik der RAF sichtbar: Während ihre Mitglieder das bestehende System ablehnten und gewaltsam überwinden wollten, herrschte selbst in ihren eigenen Reihen Unklarheit darüber, wie ein neues System konkret aussehen sollte.

Christian Diegelmann (Polizeipräsidium Osthessen) und Armin Laaf (Landeskriminalamt Hessen) waren ebenfalls als Referenten zu Gast.
Der zweite Seminartag begann mit der Vorstellung der Lernplattform „Offene Geschichte“ (https://www.offene-geschichte.de/). Rainer Lupschina von der Eberhard Karls Universität Tübingen präsentierte die Plattform, ihr Konzept und die dahinterliegende Struktur sowie Einsatzmöglichkeiten für Lehrkräfte, denn die digitales Lernen zieht in die Klassenzimmer ein. Nun hatten auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, mit Tablet und Smartphone die Lernangebote zu erkunden und Feedback an den Bildungsforscher zu geben. Im Austausch mit dem Entwickler des Online-Angebots erarbeiteten sie die Pros und Contras dieser Vermittlungsform.





