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„Wert-voll: Unbezahlbar oder Unersetzlich?“

By 16 septembre 2025No Comments
Lesezeit: 3 Minuten

Von den ehemaligen Sperranlagen der innerdeutschen Grenze finden sich heute kaum noch Überbleibsel. Grenzzäune, Kfz-Sperrgräben und Kasernengebäude der Grenztruppen verschwinden nach der Wiedervereinigung in kürzester Zeit. Letzte Relikte dieser rund 1400 Kilometer langen Grenze sind häufig die alten Beobachtungstürme aus Beton. Solche Grenztürme wie bei Wiesenfeld stehen heute symbolisch für die über 40 Jahre dauernde Teilung Deutschlands.

Diskussionen über die Nachnutzung und den Erhalt der Grenztürme fanden in der Kanzel des Wiesenfelder Turms statt. Dort konnten Besucher auch ihre Meinung an den Plakaten wiedergeben.

Diskussionen über die Nachnutzung und den Erhalt der Grenztürme fanden in der Kanzel des Wiesenfelder Turms statt. Dort konnten Besucher auch ihre Meinung an den Plakaten wiedergeben.

Doch die Türme werfen auch eine Frage auf: welche Rolle sollen diese Relikte eigentlich in unserer Gegenwart einnehmen? Dieser Frage hat sich Niklas Kolb (Volontär der Point Alpha Stiftung) angenommen und zum Tag des offenen Denkmals 2025 den sonst verschlossenen Wiesenfelder Turm zugänglich gemacht. In einer Plakatausstellung stellte er die wechselhafte Geschichte der Beobachtungstürme dar und lud die Besucher ein, über den Denkmalschutz zu diskutieren.

Die Grenztürme erachten in den Jahren nach der Friedlichen Revolution nur die Wenigsten als wertvoll oder gar unersetzlich. Zeitzeugen aus Ost und West, die am Sonntag ebenfalls den Turm besuchten machten deutlich, dass viele Menschen die Türme nach der Friedlichen Revolution am liebsten abreißen möchten. Zu tief sitzen die Wunden, welche die über 40 Jahre dauernde Teilung hinterlassen hatte. Doch der Abbau der Türme gestaltete sich so aufwendig, dass viele stehen bleiben und zum Teil einen neuen Verwendungszweck erhielten.

Sie werden zu Funkmasten, dienen als Nistplatz für Vögel oder verfallen und werden zu sogenannten „Lost Places“. Doch nicht jeder ist mit diesem Umgang einverstanden und noch vor der Wiedervereinigung bricht ein Streit über den richtigen Umgang mit den ehemaligen Grenzanlagen aus. Historiker, Künstler und Politiker der Grenzregionen versuchen die Erinnerung an die Teilung zu bewahren und setzen dabei auch auf die Beobachtungstürme. Denn ihre symbolische Aufladung macht sie zu einem idealen Objekt, das die Zeit der Teilung im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verankern kann. Paradoxerweise sollen jetzt die Türme, die Grenze vor dem Vergessen bewahren.

Volontär Niklas Kolb vor der ehemaligen Führungsstelle Wiesenfeld. Fotos: Tim Keller

Volontär Niklas Kolb vor der ehemaligen Führungsstelle Wiesenfeld. Fotos: Tim Keller

Mehr als 35 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich diese Ansicht zur vorherrschenden Meinung entwickelt. Auf die Frage, wie man heute mit den Grenztürmen umgehen soll, plädieren die meisten Gäste und selbst die Zeitzeugen von damals für einen Erhalt. „Die Türme machen Geschichte fassbar“, sagte eine Teilnehmerin; „sie sind Lernorte, die direkte Fragen stellen: Welche Geschichten erzählen wir – und welche bleiben verborgen?“ So sind die Türme auch zu persönlichen Reflexionsorten geworden, die dazu auffordern, über die eigene Vergangenheit nachzudenken.

In den Diskussionen kamen auch kritische Fragen auf, mit denen sich Grenzmuseen heute täglich beschäftigen. Welche Geschichten mit Bezug zur innerdeutschen Grenze erzählen wir und warum? Welche Erinnerungen an diese Zeit sind es wert bewahrt zu werden? Und welche Formen des Erinnerns sind bei diesem Thema überhaupt angemessen?

Die Sonderausstellung und die Diskussionen mit den Besucherinnen und Besuchern machten auch deutlich, dass sich unser Umgang mit Geschichte in Form von Erinnerungskultur ständig wandelt. Doch die Debatten von früher leben weiter: wie viel darf der Erhalt eines Beobachtungsturms kosten? Muss wirklich jeder noch stehende Grenzturm erhalten werden? Und kann ein ehemaliger Grenzturm Denkmal und Mobilfunkmast gleichzeitig sein?

Der Wiesenfelder Turm und die Sonderausstellung haben gezeigt: Die Frage „Wert-voll: unbezahlbar oder unersetzlich?“, die auch das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals war, lässt sich nicht endgültig beantworten — sie muss immer wieder neu gestellt werden.