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Von den Tücken der Entnazifizierung

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Vor wenigen Tagen jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 80. Mal. Eine der vielen, tiefgreifenden Folgen war das Vorhaben der Siegermächte, das deutsche Volk zu entnazifizieren. Die Absicht der Mitglieder der Anti-Hitler-Koalition schien dieselbe zu sein, die Umsetzung jedoch unterschied sich zwischen den jeweiligen Besatzungszonen erheblich und hatte verschiedene Intentionen. Auf die Eigenheiten und den Fortgang der konkreten Entnazifizierungspraktiken in der US-amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone ging Philipp Metzler im Konzeptkaufhaus KARL ein. Der Vorstand der Point Alpha Stiftung hat sich intensiv mit der „doppelten Entnazifizierung“ in Thüringen beschäftigt – zunächst begonnen durch die US-Amerikaner, die Thüringen befreit hatten, fortgesetzt durch die Sowjets, die nach dem vertragsgemäßen Rückzug der US Army diese Arbeit fortsetzten.

Philipp Metzler bei seinem Referat im Fuldaer Kaufhaus "Karl". Fotos: Johannes Schneider

Philipp Metzler bei seinem Referat im Fuldaer Kaufhaus « Karl ». Fotos: Johannes Schneider

Philipp Metzler erklärte, dass sich die Frage einer besser gelungenen Entnazifizierung in Ost oder West in seinen Augen nicht stelle. So gab es in Westdeutschland beispielsweise Kontinuitäten im Bereich der Justiz, die sich in der DDR so nicht finden ließen. Andererseits wurden gerade im Osten Deutschlands Mediziner weiterbeschäftigt, bei denen eine Beteiligung an der Euthanasie nachgewiesen werden konnte. Das Ministerium für Staatssicherheit wusste oft über die Vergangenheit der Ärzte und Pfleger Bescheid, behielt die Informationen aber für sich oder verschleierte diese bewusst. Sowohl Volkskammer als auch Bundestag hatten ehemalige Angehörige der NSDAP über Jahrzehnte in ihren Reihen, auch hier müsste im Einzelfall geprüft werden, ob daraus eine systemische Krise abgeleitet werden könnte.

Neben dem eindeutigen Ziel der Sowjetunion zum kommunistischen Umbau Ostdeutschlands, müsse auch anerkannt werden, dass für die Alliierten die Entnazifizierung ein großes Projekt ohne Präzedenzfall war. Die wiedervereinigte Bundesrepublik hatte und hat noch immer einiges aufzuarbeiten, Wissenschaft, Medien und Justiz müssen dabei helfen. Dabei ginge es nicht nur um die historische Verantwortung Deutschlands, sondern auch um einen fairen Umgang mit den Opfern des NS-Staats und um ein eindeutiges Signal, dass die Geschichte dieser Menschen uns heute noch immer wichtig ist.

Die Anstrengungen zu einer umfänglichen Entnazifizierung, wie sie den Siegermächten ursprünglich vorgeschwebt war, unterlag im Laufe der unmittelbaren Nachkriegsjahre zunehmenden Einschränkungen. Der beginnende Blockkonflikt machte den zonenübergreifenden Austausch von Informationen, der zu einer effektiven Verfolgung von NS-Tätern notwendig gewesen wäre, nahezu unmöglich. Dies resultierte in Einstufungen als „Mitläufer“ oder gar „Unbelastete“ selbst hochbelasteter Personen durch Leumundsaussagen von ebenso belasteten Akteuren, die jedoch in anderen Besatzungszonen lebten und deren Aussagen für die mit Laien besetzten Spruchkammern somit nicht überprüfbar waren.

Als markantes Beispiel hierfür führte Metzler die Oberbürgermeister von Fulda, Dr. Franz Danzebrink, und Erfurt, Walter Kießling, an. Letzterer war ein glühender Antisemit und Nationalsozialist der ersten Stunde, erhielt wegen oben beschriebener Praxis aber sogar den Status eines „Entlasteten“ und war ab 1951 wieder als Richter tätig, nachdem er in der britischen Besatzungszone „entnazifiziert“ worden war.

Danzebrink hingegen war seit 1937 zwar NSDAP-Mitglied, hatte aber keine ideologische Nähe zum NS, wurde wegen seiner Mitgliedschaft jedoch als „Mitläufer“ klassifiziert. Seine Verstrickungen im Dritten Reich erregten Aufmerksamkeit, als es 2022 darum ging, eine nach ihm benannte Straße in Fulda umzubenennen – die Umbenennung erfolgte schließlich ein Jahr später.

Die Veranstaltung war ein Angebot des Programms im Themensommer „Grenzenlos“ der Volkshochschule der Stadt Fulda. Die Point Alpha Stiftung bedankt sich für die Einladung bei André König und allen interessierten Gästen.