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Blick in den Osten – eine Schenkung und ihre einzigartige Geschichte

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Vor kurzem erhielt die Point Alpha Stiftung ein einzigartiges Zeugnis der deutschen Teilung: Mit einem selbstgebauten Fernrohr blickte einst ein Rasdorfer sehnsüchtig nach Geisa, über sämtliche Grenzsperranlagen hinweg. „Der Grund war eine tiefe Verbundenheit zu den Menschen in Geisa“, schilderte die Tochter und Schenkerin den Point Alpha-Mitarbeitern Noah Barthelmes und Johannes Schneider bei der Übergabe des Fernrohrs die Motivation ihres Vaters. Dieser hatte in der Stadt Geisa eine Ausbildung zum Elektriker gemacht, bevor er eingezogen wurde und erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft nach Rasdorf zurückkehrte. Hier ließ er sich nieder und gründete eine Familie.

Nach vielen Jahren probierten Praktikant Noah Barthelmes und der Wissenschaftliche Mitarbeiter Johannes Schneider das Gerät nochmal aus.

Nach vielen Jahren probierten Praktikant Noah Barthelmes und der Wissenschaftliche Mitarbeiter Johannes Schneider das Gerät nochmal aus.

Als die Demarkationslinie zwischen den Besatzungszonen immer schwieriger zu überwinden und schließlich im Mai 1952 unpassierbar wurde, entwickelte der Tüftler ein Fernrohr „Marke Eigenbau“. Aus Teilen eines Fernglases und eines Fernrohrtubus‘ baute er das Gerät, mit dem er problemlos über die Grenze nach Geisa schauen konnte. Zwar ist eine exakte Datierung nicht mehr möglich, aber die Schenkerin erinnerte sich, als junges Mädchen bereits mit ihrem Vater gemeinsam Ausflüge an die Grenze gemacht und von dort auf Geisa geblickt zu haben. So behielten sie zumindest weiterhin den Blickkontakt zu engen Freunden und dortigen Familienangehörigen. Aus der Ferne war somit in gewisser Weise doch eine Teilhabe am Alltag und gesellschaftlichen Anlässen möglich. Selbstverständlich ersetzte dies nicht die persönliche Nähe und die direkte Kommunikation. Ein markantes Ereignis war eine Beerdigung: Über Umwege erfuhr die Familie der Schenkerin in Rasdorf von der Beisetzung des verstorbenen Bekannten. Die Einreise ins Sperrgebiet war ausgeschlossen, aber mit dem Fernrohr konnten sie zumindest aus der Ferne das letzte Geleit beobachten.

Viele Jahrzehnte später kam das selbstgebaute Fernrohr nun noch einmal an der einstigen Grenze zum Einsatz. Zwar waren die genauen Standorte nicht mehr bekannt, aber der Point-Alpha-Praktikant Noah Barthelmes machte sich gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Mitarbeiter Johannes Schneider auf, um an geeigneten Plätzen mit dem historischen Gerät erneut den Blick gen Osten zu richten. Dank des zugehörigen Stativs und der robusten Konstruktion klappte dies nach wie vor ausgezeichnet – echte Qualitätsarbeit eben. Man merkt dem Objekt an, dass sein Erschaffer mit großem Geschick gesegnet war und sein Handwerk verstanden hat.

Etwas niedriger angesetzt, bot sich im Jahr 1974 der Schenkerin und ihrem Vater dieser Anblick der Rhön-Stadt. (Quelle: Archiv Point Alpha Stiftung, Sammlung Bruce J. Hessler)

Etwas niedriger angesetzt, bot sich im Jahr 1974 der Schenkerin und ihrem Vater dieser Anblick der Rhön-Stadt. (Quelle: Archiv Point Alpha Stiftung, Sammlung Bruce J. Hessler)

Zuvor hatte der Praktikant die außergewöhnliche Schenkung bereits vermessen, gewogen, genau beschrieben und in die Archiv-Datenbank eingetragen. Damit ist sichergestellt, dass bei einer späteren, musealen Nutzung alle relevanten Daten vorliegen. Dazu zählt insbesondere auch die Provenienz, also die lückenlosen Angaben zu Ursprung und Erhalt des jeweiligen Objekts. Für Barthelmes war die Arbeit mit dem Archivstück, von Annahme bis zur Präsentation, ein spannender Einblick in die praktische Arbeit der Gedenkstätte.

Noah Barthelmes ist seit fünf Wochen als Praktikant bei der Point Alpha Stiftung im Einsatz. Im Rahmen seiner Tätigkeit lernte er bereits die verschiedensten Facetten der Gedenkstätten- und Bildungsarbeit kennen und sammelte dabei viele spannende Einblicke. Neben dem Begleiten der Veranstaltungen hilft er mit, diese vorzubereiten und durchzuführen. Weiterhin zählen Recherche-Aufgaben zum täglichen Programm. Die Arbeit mit einem einzigartigen Objekt wie dem der Stiftung überlassenen Fernrohr stellte hierbei noch einmal eine ganz besondere Erfahrung dar.

Die Point Alpha Stiftung unterhält ein eigenes Archiv. Wir sind stets auf der Suche nach Dokumenten, Fotografien und Objekten, die zum historischen Verständnis beitragen können. Falls Sie über solche Gegenstände verfügen und sich eine Überlassung (auch leihweise) vorstellen können, zögern Sie nicht, mit uns z.B. via E-Mail (service@pointalpha.com) in Kontakt zu treten.