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Ronny Heidenreich: In der Hoffnung auf höhere Erlöse wurde manche Stele aufgearbeitet und nachträglich künstlerisch gestaltet, was für die Käufer wohl nicht weiter wichtig war.
„Mauerkauf ist Vertrauenssache“, sagt Dr. Ronny Heidenreich zum Echtheitswert der als Souvenir beliebten, bunten Mauerstücke. Die Frage nach dem Verbleib und dem Umgang mit Teilen der Berliner Mauer zu stellen, liegt also bereits im Kleinen nahe. Das Hauptaugenmerk legte der Historiker in seinem Vortrag „Eine Mauer für die Welt“ im Haus auf der Grenze von Point Alpha jedoch auf den weltweiten Vertrieb mit den großen Überresten. Die Erkenntnisse seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Nachgeschichte dieser Überbleibsel veranschaulichten dabei die Ausbeutung von Geschichte zu kommerziellen Zwecken.
Begrüßt wurden Referent und Besucher von Point-Alpha-Mitarbeiter Jan-Ludwig Antoni, der sich bei der Hessische Landeszentrale für politische Bildung für die Kooperation bedankte und mit einer Kindheitserinnerung an das Mauerelement im Eingangsbereich des Europa-Park Rust in den Vortrag überleitete. Man muss heute nicht mehr unbedingt in die deutsche Hauptstadt reisen, um die Berliner Mauer zu sehen. „Auf sämtlichen Kontinenten in mehr als 50 Ländern finden sich Reste der symbolträchtigen Grenze“, erzählte Ronny Heidenreich, „zusammengerechnet vielleicht sogar mehr als in Berlin selbst.“ Ein Mauerteil steht zum Beispiel direkt an der Gedenkstätte Point Alpha, als Symbol für das Ende des Kalten Krieges und den Gewinn der Freiheit.

In einer Gesprächsrunde beantwortete der Referent aus Berlin die vielen Fragen aus den Reihen der Gäste. Fotos: Anna-Lisa Schmied
Jahrzehntelang verkörperten Todesstreifen und Betonwall die Teilung der Welt in Ost und West. Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 wurde das einstige Symbol der Unterdrückung und Unfreiheit praktisch über Nacht zum heiß begehrten Sinnbild für einen erfolgreichen Freiheitskampf und bekam für die westliche Welt einen Trophäencharakter. George H. W. Bush erhielt ein Mauersegment für seine Presidential Library, ebenso Ronald Reagen und auch die CIA in Langley oder Fort Leavenworth präsentieren ihr „Siegerobjekt“.

Jan Ludwig Antoni von der Point Alpha Stiftung führte kurz ins Thema ein.
Mit dem Ende der SED-Diktatur etablierte sich ein lukratives Geschäft mit der 155 Kilometer langen Grenzanlage. „Eigentlich alles, was nicht niet- und nagelfest war an der innerdeutschen Grenze, wurde zu Geld gemacht“, beschreibt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundesarchivs die damalige Goldgräberstimmung. Am schnellsten war ein bayerischer Geschäftsmann, der bereits am 10. November der DDR anbot, „nicht benötigte Teile der Berliner Mauer gegen Devisen zu kaufen“. Im April 1990 fand eine erste Auktion auf dem Ku’damm statt. Der Höhepunkt war eine Versteigerung in Monaco, wobei 81 Fragmente mehrere Millionen D-Mark eingebracht haben sollen.
Am Verkauf beteiligten sich im Verlauf viele: angefangen von DDR-Regierungen unter Modrow oder de Maiziere, Verkaufsagenturen, für die Entsorgung des Bauschutts beauftragte Baubetriebe, Galerien, Museen und windige Spekulanten mit viel Fantasie. Da sich der Abbau der Mauer aber unübersichtlich gestaltete, konnten auch Teile beiseitegeschafft werden.
Vergleicht man die Mauereuphorie im Westen aber mit dem Osten, sei die Aneignung der Mauer dort um einiges „zögerlicher“ verlaufen, stellte Heidenreich fest. Elemente befinden sich nur in Budapest und in Danzig. Ein Segment am Sacharow-Zentrum in Moskau und eines in einem deutschen Biergarten im chinesischen Dalian sind auf ungeklärte Art und Weise verschwunden.
In Berlin ist die Mauer aus dem Stadtbild weitestgehend verschwunden. Der umfangreichste erhaltene Abschnitt der Hinterlandmauer, erstreckt sich über etwa 1,3 Kilometern im Ortsteil Friedrichshain. 1990 haben ihn internationale Künstler zur East Side Gallery gestaltet. Prominente Mauerbilder — wie der „Bruderkuss“ des russischen Künstlers Dmitri Wrubel oder der Trabant, der die Mauer durchbricht mit dem Titel „Test the Rest“ von der Künstlerin Birgit Kinder — sind dort für die Öffentlichkeit zugänglich. 2009 erhielten alle deutschen Bundesländer ein Segment der Mauer als „Denkmal der Freiheit“ in einer vom Axel-Springer-Verlag initiierten Aktion. Unzählige Teile der Mauer wurden schließlich aber auch zerkleinert und als Bauschutt für den Straßenbau verwendet.
Bis heute scheint das Interesse an diesem Geschäft nicht verloren gegangen zu sein, wie eine kurze Suche nach Auktionen und Angeboten im Internet bestätigt. Und auch die kleinen Mauerreste als Berlin-Souvenir werden sich wohl noch lange großer Beliebtheit erfreuen. Victoria Jentschke




